Vitrine

An dieser Stelle präsentiert das Team des UZH Archivs in unregelmässigen Abständen kurze Beiträge zur Geschichte der Universität. Die Themen ergeben sich aus unserer täglichen Arbeit mit dem vielfältigen Archivgut der UZH.

 

Vom Monte San Giorgio in die Zürcher Hörsäle und Museen: Paläontologische Wissensproduktion 1933-1989

Marcel Brengard

1924 begannen die ersten Grabungsarbeiten am Monte San Giorgio. Der Berg an der Südspitze der Schweiz entwickelte sich in der Folge zum bedeutendsten Ausgrabungsort des Paläontologischen Instituts und Museums Zürich (PIMUZ) und zog Generationen von Forschenden und Studierenden in seinen Bann. Der jüngst erschlossene Fotobestand aus mehreren hundert Diapositiven ermöglicht es, den mit den Grabungen verbundenen Prozess der Wissensproduktion und -vermittlung im PIMUZ nachzuvollziehen.

Bergen eines Fundes 1957
(UAZ) I.7.001 (Teil 1): Bergen eines Fundes, 1957

Bereits Mitte des 19. Jahrhundert hatten italienische Forscher mit paläontologischen Untersuchen auf der italienischen Seite des Monte San Giorgio begonnen. In der Schweiz dauerte es noch eine Weile, bis die Wissenschaft das Potential des Berges erkannte. Im Zuge des kommerziellen Ölschieferabbaus auf der Schweizer Seite förderten die Bergarbeiter aus den schwarzen bituminösen Tonsteinen zahlreiche fossile Überreste von Fischen, Reptilien, Ammoniten und Muscheln zutage. In der Folge begann sich Bernhard Peyer, Privatdozent der Universität Zürich, für das Gebiet zu interessieren und reiste 1919 erstmals nach Meride, um am Monte San Giorgio Sondierungen vorzunehmen. 1924 folgten die ersten Abbauversuche. Die kommenden Jahre waren geprägt durch sensationelle Funde. Man grub mehrere komplette Fossilien aus, fand neue Saurierarten und konnte etablierte Lehrmeinungen widerlegen.

Ab 1950 begann Peyers Mitarbeiter und späterer Nachfolger Emil Kuhn-Schnyder in Zusammenarbeit mit Basler Geologen mit der grössten systematischen Grabung am Monte San Giorgio. Bis ins Jahr 1968 wurde eine rund 16 Meter dicke Gesteinsschicht abgetragen, anhand deren Profil die Forschenden sowohl die artenreiche Fauna und Flora aufzeigen konnte als auch ihre Verteilung als auch die Evolution einzelner Gattungen über einen Zeitraum von 500'000 Jahren. Die Ausgrabungen im Südtessin waren derart ergiebig, dass sich die Forschenden unter Kuhn-Schnyders Nachfolger Hans Rieber zwischen 1976 und 2001 weitgehend auf die weitere Bearbeitung der Funde konzentrieren konnten.

Mit dem Zutage fördern von Fossilien stand und steht die Paläontologie aber nicht am Ende ihrer Forschung. Bei der Übernahme und Erschliessung des Fotobestandes des PIMUZ durch das UZH Archiv war das Ziel, eine Diaserie so zu übernehmen, dass diese die ganze wissenschaftliche Erkenntnisproduktion von der Ausgrabung bis hin zur Vermittlung des Wissens zu dokumentieren vermag. Dadurch wird eine Verwendung der Bildbestände jenseits des Illustrativen ermöglicht. Die Fotografien zeigen die technischen und logistischen Herausforderungen bei den Grabungsarbeiten, die Verfahren zur Bergung der Fundstücke sowie die Verzeichnung und Vermessung der Grabungsfelder. Auch die Aufbereitung der Fundstücke wird dokumentiert. Ebenso die Präparierung und das Abzeichnen der Fundstücke bis hin zur Überführung der Erkenntnisse in sogenannte Lebensbilder. Bei diesen handelt es sich um Imaginationen von Sauriern in ihrer rekonstruierten natürlichen Umgebung.

Ticinosuchus ferox, Rekonstruktion
(UAZ) I.7.001 (Teil 1): Ticinosuchus ferox, Rekonstruktion von B. Krebs und O. Garraux, 1962

Die Forschungen zu den Fossilien am Monte San Giorgio fanden in der internationalen Forschungsgemeinschaft breiten Anklang und grosse Anerkennung, wovon sowohl die individuellen Forschenden als auch das PIMUZ profitierte. Im Juli 2003 wurde die Fossil-Lagerstätte im Südtessin von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, womit nicht nur die Bedeutung des Ortes, sondern nicht zuletzt auch die Leistungen der Zürcher Paläontologinnen und Paläontologen gewürdigt wurde.

Unterwegs am Monte San Giorgio, 1933

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Eingipsen, 1952

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Bergen eines Fundes, 1957

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Unterwegs am Monte San Giorgio, 1933 Eingipsen, 1952 Bergen eines Fundes, 1957
Lackfilm Mixosaurier, 1963

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Ticinosuchus, Schwanz

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Fundplan Schicht 104

(UAZ) I.7.001 (Teil 2)

Lackfilm vom Mixosaurier, 1963 Ticinosuchus, Schwanz Fundplan der Schicht 104, Dolomit

Von Psychopathologie, «innerem Halt» und heilpädagogischer Rhythmik: Die Lehre am Heilpädagogischen Seminar Zürich 1942-1964

Marcel Brengard

Ein jüngst erschlossener Teilbestand aus dem Nachlass Paul Moor (1899-1977) – dem Schweizer Heilpädagogen und langjährigen Leiters des Heilpädagogischen Seminars (HPS) und Inhaber des Lehrstuhls für Heilpädagogik an der Universität Zürich – ermöglicht erstmals die systematische Aufarbeitung der universitären Ausbildung von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen in der Nachkriegszeit und gewährt spannende Einblicke in die damals in Schweizer Kinder- und Jugendheimen herrschenden Zustände.

Prof. Dr. Paul Moor
(UAZ) PA.034.083: Prof. Dr. Paul Moor

Als Gedächtnis der Universität Zürich ist es dem UZH Archiv ein Anliegen, neben den administrativen Prozessen der Verwaltung auch die Lehre und Forschung zu dokumentieren. Dies wird allerdings durch den Umstand erschwert, dass die entsprechenden Unterlagen der Forschenden in deren Privatbesitz bleiben und somit einer systematischen Archivierung entgehen. Das bedeutet auch, dass heute kaum mehr nachvollzogen werden kann, was die Dozierenden in ihren Vorlesungen und Seminaren unterrichteten. Nur in seltenen Fällen finden sich in Nachlässen von Dozierenden Vorlesungsunterlagen.

Die Übernahme des Nachlasses vom Schweizer Heilpädagogen Paul Moor war insbesondere in dieser Hinsicht ein Glücksfall. Zwischen 1942 und 1964 liess Professor Moor seine Studierenden systematisch Nachschriften der Vorlesungen am HPS und an der UZH erstellen. In den mehr als zwei Jahrzehnten entstanden auf diese Weise fast 500 Vorlesungsnachschriften, die nun vom Institut für Erziehungswissenschaft dem UZH Archiv zur langfristigen Aufbewahrung übergeben wurden und anhand deren sich die einzelnen Veranstaltungen rekonstruieren lassen.

Protokolliert wurde zahlreiche Veranstaltungen von Paul Moor selbst, unter anderem Einführungsveranstaltungen und Vorlesungen zu Erfassungs- und Behandlungsmethoden der Heilpädagogik, dem «inneren Halt» sowie der Erziehung in Heimen. Hinzu kommt die Lehre anderer Dozierender am HPS wie Moors Vorgänger Heinrich Hanselmann, sein Nachfolger Fritz Schneeberger sowie der Schweizer Kinder- und Jugendpsychologe Jakob Lutz. Sie unterrichteten unter anderem zur Erziehungs- und Eheberatung, der sexuellen Entwicklung von Kindern, über die Möglichkeiten und Grenzen der Volkserziehung und die Formdeutversuche von Rorschach. Darüber hinaus finden sich aber auch Nachschriften der Veranstaltungen von renommierten Pädagogen und Pädagoginnen. Darunter sind beispielsweise Mimi Scheiblauer, eine Schweizer Pionierin der heilpädagogischen Rhythmik und Maria Egg-Benes, später Mitbegründerin des «Züriwerk», die sich unermüdlich für Menschen mit geistigen Behinderungen und deren Familien engagierte.

NL Moor vor der Erschliessung
Die Vorlesungsnachschriften aus dem Nachlass Paul Moor vor ihrer Erschliessung.

Besonders interessant sind zudem die Besprechungen von anonymisierten Einzelfällen sowie die Berichte von Anstaltsbesuchen. Am HPS wurde grossen Wert auf eine praxisnahe Ausbildung gelegt. Regelmässig analysierte man im Rahmen von Seminarübungen psychische Erkrankungen anhand von realen Beispielen, wodurch sich Hinweise auf die zeitgenössische Pathologisierung bestimmter Verhaltensweisen ergeben. Ferner berichteten verschiedene Heimleiterinnen und -leiter von ihren Erfahrungen und Behandlungsansätzen und zugleich besuchten die angehenden Heilpädagoginnen und -pädagogen verschiedene Heime und Anstalten für Kinder mit besonderem Förderbedarf. So die «Anstalt für schwererziehbare schulentlassene Mädchen Heimgarten», das städtische «Knabenhaus Schau» oder die kantonale Arbeitserziehungsanstalt Uitikon a.A.. Die Protokolle von diesen Besuchen geben Einblick in die besuchten Institutionen: Sie dokumentieren deren Zielsetzungen, die (heil)pädagogischen Ansätze sowie die Finanzierung und Unterbringung der Heranwachsenden. Darüber hinaus erfährt man von den alltäglichen Problemen, die man kaum gegen aussen kommunizierte, wie der praktizierten Masturbation, welche die Heimleitungen mit allen Mitteln zu verhindern versuchten.

Die Besonderheit des Nachlasses von Paul Moor liegt auch darin begründet, dass er sich auch für die Lehre seiner Kolleginnen und Kollegen interessierte und den Aufwand nicht scheute, auch deren Unterricht dokumentieren zu lassen. Zudem war Zürich zu dieser Zeit eine der wichtigsten Stätte für das Studium der Theorie der Erziehung von Kindern mit besonderem Förderbedarf und prägend für die schweizerische aber auch weltweite Heil- und Sonderpädagogik. Was in Zürich gelernt worden war, sollte später in zahlreichen Erziehungsanstalten angewandt werden.

Eintrag zum Nachlass Paul Moor am UZH Archiv im Kalliope-Verbund

Vor 40 Jahren an der Universität Zürich: Eine Rede zum Tod von Ulrike Meinhof

Philipp Messner

Am 9. Mai 1976 wurde die im RAF-Prozess in Stuttgart-Stammheim des Mordes angeklagte Journalistin Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle aufgefunden. Wie eine vor Kurzem im UZH Archiv aufgetauchte Audioaufnahme dokumentiert, wurde auf dieses für die deutsche Nachkriegsgeschichte so bedeutende Ereignis auch in Zürich reagiert.

Nicht nur als Forschende/r, auch als Archivar/in macht man in einem Archiv mitunter überraschende Funde. So geschehen kürzlich bei der Digitalisierung und Nacherschliessung von einigen bisher nur oberflächlich erfassten Tondokumenten aus dem sogenannten «Alten Rektoratsarchiv» (E.7.1). Dieser aus der ehemaligen Kanzleiablage herausgewachsene Archivbestand umfasst neben ebenda entstandenen Akten auch Sammlungsgut, dessen Herkunft im Einzelnen kaum mehr zu eruieren ist. Die genannten Massnahmen betrafen unter anderem die Verzeichnungseinheit E.7.1.207, eine Audiokassette in einem braunen Umschlag mit der Beschriftung «Tonbandka[s]sette vom 12. Mai 76 / Rede von Prof. Azzola Darmstadt / Koreferat Gesetz + Gewalt / KSTR».

Koreferat Axel Azzola 1976
(UAZ) E.7.1.207: Aufnahme des Koreferats «Gesetz und Gewalt» von Axel Azzola, 12.05.1976.

Beim genannten Professor handelt es sich um Axel Azzola (1937-2007), der zwischen 1971 und 1998 einen Lehrstuhl für öffentliches Recht an der Technischen Universität Darmstadt innehatte. Bekanntheit erlangt der Jurist vor allem, als er ab Dezember 1975 im Strafprozess gegen vier Mitglieder der «Roten Armee Fraktion» (RAF) in Stuttgart-Stammheim als Wahlverteidiger von Ulrike Meinhof auftritt. In dieser Rolle versucht er zu erreichen, dass die Angeklagten als Kombattanten in einem bewaffneten Konflikt betrachten werden und ihnen den Status von Kriegsgefangenen zugestanden wird.

Das neben dem Namen Azzolas angegebene Kürzel «KSTR» verweist auf den Kleinen Studentenrat. Die Exekutive der verfassten Studentenschaft der Universität Zürich (SUZ) führt zu diesem Zeitpunkt eine erbitterte Auseinandersetzung mit der kantonalen Erziehungsdirektion, die zwei Jahre später schliesslich zur Auflösung der SUZ führen sollte. Gestritten wird in erster Linie über die Zulässigkeit eines über den Rahmen von Studierendenpolitik im engeren Sinn hinausgehenden allgemeinpolitischen Engagements der Organe der SUZ.

Als «Koreferat» wird im Allgemeinen ein Referat bezeichnet, das sich als Ergänzung auf das Thema eines Hauptreferats bezieht, eine Stellungnahme zu einem vorausgegangenen Referat beispielsweise. Im vorliegenden Fall geht es um eine vom damaligen Rektor der Universität Zürich, Hans Nef, am 29. April 1976 zum Dies academicus gehaltene Rede mit dem Titel «Gewalt und Gesetz», die auch im UZH-Jahresbericht 1975/76 nachzulesen ist. Vor dem Hintergrund des in den 1970er Jahren endemischen Linksterrorismus behandelt der Ordinarius für Rechtsphilosophie, Staats- und Verwaltungsrecht Nef in seiner Rede grundlegend das Spannungsverhältnis zwischen Gesetz und Gewalt. Dabei äussert er sich unter anderem besorgt darüber, dass, wie er sich ausdrückt, «die Gewalttätigen den Gesetzgeber nötigen», Revisionen einzuleiten, welche auch von der Idee der Rechtsstaatlichkeit geforderte Grundsätze berührten. Dies sei aber unumgänglich, da ihm zufolge die Rechte und die Rechtsschutzbehelfe der Beschuldigten in einigen Beziehungen in einem Masse ausgebaut seien, dass es nicht nur zur Beeinträchtigung einzelner Strafuntersuchungen, sondern der Rechtspflege als solcher führen könne. Man müsse deshalb fragen, ob die rechtsstaatlichen Garantien «auch jenen bis zu den letzten Konsequenzen zukommen sollen, die selbst das Recht mit Füssen treten».

Ulrike Meinhof
Ulrike Meinhof. Foto auf einem Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes, 1971.

Auf diese Ausführungen sollte der als unbedingter Verfechter rechtsstaatlicher Prinzipien bekannte Azzola an einer vom KStR auf Mittwoch 12. Mai gelegten Veranstaltung im grossen Hörsaal KOL-F-101 eine Erwiderung formulieren. Drei Tage vorher wird nun allerdings seine Mandantin Ulrike Meinhof in ihrer Zelle erhängt aufgefunden. Aus der geplanten Gegenrede Azzolas wird ein Nachruf. Auf den Anwalt, der als überzeugter Sozialdemokrat keinerlei Sympathien für den von der RAF geführten «bewaffneten Kampf» hegt, hat Meinhof offenbar einen tiefen Eindruck hinterlassen. In seinem an der Universität Zürich gehaltenen Nekrolog beschreibt er sie als «grenzenlos liebesfähig, diszipliniert, sensibel und von hoher Intellektualität», wobei diese bei Meinhof in den Dienst eines «unabdingbaren ethischen Rigorismus» gestanden habe. Im folgenden versucht Azzola die Aktionen der RAF aus dem Selbstverständnis der Gruppe heraus zu erklären und kritisiert in diesem Zusammenhang eine «bürgerliche Sprachlosigkeit», die über die Sachverhalte, um die es im Stammheim-Prozess gehe, nur juristisch reden wolle, anstatt diese in ihrem historisch-politischen Kontext zu analysieren, wie es eigentlich geboten wäre.

Das Typoskript der von Axel Azzola an der Universität Zürich gehaltenen Rede findet sich als Teil einer umfassenden Sammlung von Dokumenten zur Geschichte der RAF aus dem Besitz von Ronald Augustin, einem ehemaligen Mitglied der Gruppe, im Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam. Über das «Social History Portal» ist Azzolas Skript auch in digitaler Form abrufbar.

Sammlung «Rote Armee Fraktion» (IISH_ARCH02203)

Typoskript der Rede von Axel Azzola an der Universität Zürich (PDF)

Von wem und zu welchem Zweck nun die im UZH Archiv befindliche Aufzeichnung gemacht wurde ist unklar. Der an eine Predigt erinnernde Duktus des Vortrags, wie er auf der Aufnahme zu hören ist, ist zum einen wohl dem Zeitgeist, zum anderen den besonderen Umständen geschuldet. Die akustische Aufzeichnung der Rede stellt aber in jedem Fall eine signifikante Erweiterung des bislang nur schriftlich vorliegenden Inhalts dar.

(UAZ) E.7.1.207: «Gesetz und Gewalt», Koreferat Axel Azzola, 12.05.1976. [Ausschnitt, 01:41 Min.]

Hochschulplanung an der Universität Zürich in den 1970er Jahren

Inge Moser

Reim von Alt-Regierungsrat Günthardt in der «uni zürich», 1983.
«Wer etwas vorhat, plant...» - Reim von Alt-Regierungsrat Günthardt in der «uni zürich» 1/2, Februar 1983.

In den Unterlagen des Prorektorats Planung, die von den Aktenbildern in einer dokumentarischen Sammlung von Akten und Fachliteratur überliefert wurden, lassen sich interessante Details zur Entwicklung der Hochschulplanung an der Universität Zürich in den 1970er Jahren zurückverfolgen – sowohl als inneruniversitäre Organisationseinheit sowie als wissenschaftliche Fachrichtung. Dies nicht zuletzt, weil die Mitarbeitenden des Prorektorats Planung selbst ihre Tätigkeit rege dokumentierten. Dass Planungsgeschäfte auch eine Prise Selbstironie vertragen, zeigt der 1983 in der «uni zürich» abgedruckte Reim von Alt-Regierungsrat Günthardt.

Mit der Einberufung einer Planungskommission durch den Zürcher Regierungsrat am 25. Januar 1962 wurde die Planung zum ersten Mal als eigenständiger Aufgabenbereich wahrgenommen. Damals ging es darum, über den Standort und die Prioritäten der neuen Universitätsbauten oder deren Erweiterung zu entscheiden, für die aus Gründen zunehmender Platznot an der Universität Kredite gesprochen wurden (Jahresbericht der UZH 1962/63, S. 28 und 32). Der Begriff Planung bezog sich also in erster Linie auf die Raum- und Bauplanung. Die stetig steigenden Studierendenzahlen standen um 1970 in einem Gegensatz zum aufwendigen und nur langsam voranschreitenden Ausbau der Universität. Damit hing auch die Kapazitätsplanung zusammen, also inwiefern die Zulassung von Studierenden geregelt oder gar beschränkt werden sollte. Im Jahresbericht 1972/73 ist erstmals die Rede von der Etablierung einer eigentlichen «Planungsorganisation», die neben der nebenamtlichen Planungskommission und dem Planungsausschuss aus einem vollamtlichen Planungsstab des Rektorats bestehen sollte, und deren zentrale Funktion die mittel- bis langfristige Universitätsplanung im Hinblick auf ein neues, bundesweites Hochschulförderungsgesetz wurde. Die vollamtliche Stelle im Planungsstab konnte allerdings erst 1975 mit Edmond Ermertz besetzt werden. Neben der systematischen Entwicklungsplanung (später Mehrjahresplanung), der Finanz- und Personalplanung sowie der Ermittlung von Studierendenprognosen zählte auch der Aufbau einer Dokumentation über die Hochschulplanung zu den ersten wichtigen Aufgaben der Planungsorgane (Jahresbericht 1973/74, S. 24–25).

Eine tragende Rolle für die Hochschulplanung an der Universität Zürich spielte ausserdem Professor Edwin Rühli, der 1972 zum Präsidenten des Planungsausschusses und 1984 zum ersten Prorektor des Ressorts Planung ernannt wurde und sich auch in der Forschung und Lehre stark mit dem Thema auseinandersetzte. So dozierte der Ordinarius in Betriebswirtschaftslehre über Führungsaufgaben und Hochschulplanung, wie Dossiers von Vorlesungen und Seminaren belegen, die als Grundlagen ebenfalls Eingang in die Dokumentensammlung fanden. Ein weiteres Zeugnis davon ist die Herausgabe von 15 Planungsstudien im Zeitraum von 1973 bis 1997, die von der Planungskommission in Auftrag gegeben wurden.

Planungsstudien der Universität Zürich
(UAZ) F.3.029-030: Planungsstudien der Universität Zürich

Auch die öffentliche Information über die Universitätsplanung gewann zunehmend an Bedeutung. Das Prorektorat Planung übernahm die Koordination der gesamtuniversitären Jahresberichte, der akademischen Jahresberichte und die Berichterstattung an die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich. Ab Ende der 1980er Jahre kamen ausserdem vermehrt bildungs- und wirtschaftspolitische Aufgaben hinzu, was 1987 zur Schaffung einer Stabstelle Wirtschaftskontakte / Wissenstransfer im Bereich der Planung führte, die nur während einer kurzen Zeit Aufgaben der Vernetzung von der Universität und einzelnen Forschungsbereichen mit der Öffentlichkeit sowie mit der Privatwirtschaft übernahm. Ein grosses Projekt in diesem Rahmen war beispielsweise die Mitwirkung der Universität Zürich an der nationalen Forschungsausstellung «Heureka» 1991.

Die Institutionalisierung der Planung und die zunehmende Vermessung der Universität seit den 1970er Jahren geschah nicht nur aus Zufall zeitgleich mit der Entwicklung von Informationssystemen und Computertechnik. Es wurde eng mit dem Rechenzentrum und der Informatik zusammengearbeitet, und Mitarbeitende des Planungsstabs beteiligten sich häufig an Projekten zur Einführung von Dokumentationssystemen und Datenbanken, die wiederum der Planung als Instrumentarium dienen sollten. Auch zu solchen teilweise inzwischen verwirklichten oder nicht umgesetzten Projekten, zum Beispiel zu einem uniweiten Informationssystem oder einer Forschungsdatenbank, sind im Bestand des Prorektorats Planung einige Spuren zu entdecken.

Der umfangreiche Bestand (ca. 60 lfm) wurde im August 2015 einer Nachbewertung unterzogen und wird zur Zeit erschlossen.

Vom Molekülbau zur Asymmetrie im Weltall: Der Nachlass von Prof. Wagnière

Marcel Brengard

Der an das UZH Archiv übergebene wissenschaftliche Nachlass des renommierten Schweizer Chemikers Georges Henry Wagnière (1933-2013) stellt eine wichtige Bereicherung ihrer Bestände dar, denn bislang fand nur wenig privates Überlieferungsgut aus dem Bereich der Naturwissenschaften den Weg ins UAZ.

Wagnière in seinem Büro
(UAZ) PA.030.180: Wagnière in seinem Büro an der Rämistrasse 74.

Der aus einer Diplomatenfamilie stammende Wagnière absolvierte in Bern das Gymnasium, setzte seine Ausbildung nach Abschluss des ETH-Studiums an der Graduate School der Harvard University fort, bei der er über die elektronischen Eigenschaften von grossen organischen Molekülen dissertieren sollte. Nach einem kurzen Abstecher in die Privatwirtschaft folgte er 1965 einem Ruf an die Universität Zürich, an welcher er bis zu seiner Emeritierung 1999 forschen und lehren sollte. Von den vielfältigen Unterlagen im Nachlass Wagnière sind insbesondere diejenigen zur Lehre hervorzuheben. Von seiner eigenen Studienzeit an der ETH und Harvard sind Vorlesungsmitschriften erhalten, die zeigen, welcher Stoff dem jungen Wissenschaftler damals vermittelt wurde. Aus Sicht der Universität Zürich sind aber im Speziellen die Unterlagen zu seinen Vorlesungen interessant. Denn während die offizielle Überlieferung von den wenigsten Veranstaltungen mehr weiss als die in den Vorlesungsverzeichnissen aufgeführten Titel, kann anhand dieser Aufzeichnungen auch deren Inhalt und dessen Veränderung über die Jahrzehnte rekonstruiert werden.

Wagnières Antrittsvorlesung
(UAZ) PA.030.245: Manuskript der Antrittsvorlesung «Molekül und Molekülvorstellung».

Wagnière hielt nicht nur Vorlesungen für Spezialisten, sondern engagierte sich auch in der allgemeinen Grundausbildung und hielt Vorlesungen über Thermodynamik, Kinetik, Molekülbau und Molekülspektroskopie. Zudem nahm er sich der Ausbildung von Biologen und Biochemikern an, um auch ihnen die Grundlagen der Physikalischen Chemie zu vermitteln. Aus seinem breiten Forschungsspektrum in der Physikalischen Chemie sind insbesondere die quantenchemischen Berechnungen aber auch seine Arbeiten zu chiralen Molekülen und molekularer Optik hervorzuheben. Die wissenschaftliche Arbeit von Wagnière war stark theoretisch geprägt, beinhaltete aber auch Experimente. Unter anderem gelang seiner Forschungsgruppe in den 1990er-Jahren erstmals die Messung der magnetochiralen Licht-Doppelbrechung.

Die entsprechenden Unterlagen im Nachlass zeigen, wie konkret geforscht wurde, welche Arbeitsschritte unternommen wurde und was sich als Sackgasse erweisen sollte. Des Weiteren eröffnet solch ein Nachlass auch Chancen, auf Basis der Materialität der Akten die Möglichkeitsbedingungen moderner naturwissenschaftlicher Forschung zu untersuchen. Denn die Forscherkarriere von Georges Wagnière fiel in eine Zeit, in welcher der Computer zu einem immer wichtigeren Hilfsmittel wurde und dadurch die experimentellen Praktiken veränderte. Als der Chemiker in den 1960er-Jahren zu forschen begann, wurden an den Universitäten erste Rechenzentren eingeführt, in denen zentralisiert wissenschaftliche Experimente durchgeführt werden konnten. Bei seiner Emeritierung um die Jahrtausendwende hatte sich zum Einen die Rechenleistung vervielfacht, zum Anderen die Nutzung individualisiert – nun war nahezu jeder Arbeitsplatz an der Universität mit einem eigenen Computer ausgestattet.

Diese Entwicklung zeigt sich nicht zuletzt auch in der Vielfalt der Medien im Nachlass: Von handschriftlichen Notizen und Manuskripten, über Printouts von wissenschaftlichen Computerprogrammen und deren Berechnungen, bis hin zu USB-Sticks mit digitalen Unterlagen sind unterschiedlichste Arten von Materialien im Bestand enthalten.

Wagnières Abschiedsvorlesung
(UAZ) PA.030.054: Auszüge aus der Abschiedsvorlesung «Gedanken zur Asymmetrie im Weltall».

Neben Akten zur Lehre und Forschung enthält der Nachlass Wagnières persönliche Sitzungsunterlagen der Gremien und Kommissionen, Peer-Review-Gutachten für renommierte Fachzeitschriften sowie umfangreiche Korrespondenzen mit Fachkollegen und -kolleginnen, welche das weitläufige Beziehungsnetzwerk und den wissenschaftlichen Austausch auf persönlicher Ebene dokumentieren. Georges H. Wagnière interessierte sich jedoch nicht ausschliesslich für Fragen seines Fachbereichs, sondern bezog auch Stellung zu gesamtgesellschaftlichen Fragen jenseits seiner Forschungstätigkeit und publizierte seine Positionen in mehreren Zeitungsartikeln.

Der reichhaltige Nachlass kam aufgrund des ausdrücklichen Wunsches von Georges H. Wagnière ins UZH Archiv und wurde nach seinem Tod von der Witwe überstellt.

 

Die Dokumentation universitärer Publikationstätigkeit im Medienwandel

Philipp Messner

Als autonome öffentlich-rechtliche Institution ist die UZH nicht nur zur Archivierung ihrer Akten, also im Rahmen von Geschäftsprozessen entstandene Aufzeichnungen, verpflichtet, sondern, im Wortlaut der Archivverordnung des Kantons Zürich, auch aller von ihr verantworteten, «einmalig oder periodisch erscheinenden Publikationen […] die für die Öffentlichkeit bestimmt oder einem eingeschränkten Empfängerkreis zugänglich sind». Unter diese Definition fällt von Universitäts- bis Instituts- und Seminarebene eine Vielzahl von Veröffentlichungen mit unterschiedlicher Auflage und Lebensdauer.

Die Publikation mit der längsten Laufzeit ist an der UZH das seit 1833 für jedes Semester publizierte Vorlesungsverzeichnis, in dem alle angebotenen Lehrveranstaltungen aufgeführt sind. Die in den Verzeichnissen 1833-1900 enthaltenen Daten sind in digitaler Form über das Portal HistVV online zugänglich. An zweiter und dritter Stelle hinsichtlich Laufzeit kommt der seit 1913/14 gedruckt erscheinende Jahresbericht und das zwischen 1864 und 1994 jedes Semester publizierte Verzeichnis aller an der UZH immatrikulierten Studierenden.

1962 wurde an der Universität Zürich ein Wissenschaftlicher Informationsdienst (WID) geschaffen. Als Vorläufer der heutigen Abteilung Kommunikation verfolgte dieser das Ziel, «das legitime Bedürfnis der Aufklärung und zusätzlichen Information der Vertreter von Presse, Fernsehen und Radio zu befriedigen, dass die Resultate in der wissenschaftlichen Forschung dadurch dem grossen Kreis von Lesern, Hörern und Zuschauern in einer jedermann geläufigen Art zugänglich gemacht werden können», wie es in der entsprechenden Presseinformation heisst. Neben seiner Rolle als Vermittler zwischen Universität und Öffentlichkeit war der WID aber auch um die inneruniversitäre Kommunikation bemüht. So war eine der ersten von ihm herausgegebenen Publikationen 1964 ein Bulletin mit dem Titel «Neues aus der Universität Zürich», in dem die Angehörigen der UZH auf zehn im Schreibmaschinenlayout gehaltenen Seiten über Berufungen, Gastvorlesungen und ähnliches informiert wurden. Aus diesem ging 1970 zum einen das bis 1997 bestehende Heftchen «Uni-Intern» hervor, zum anderen das ungleich professioneller aufgemachte Mitteilungsblatt des Rektorats «Uni 70» (bzw. «Uni 71», «Uni 72» usw.) – Vorläufer des heutigen «UZH Journal».

Wissenschaftlicher Informationsdienst 1972
(UAZ) E.5.2.3: Das Publikationsangebot des Wissenschaftlichen Informationsdienstes der UZH im Jahr 1972.

Im Laufe der Zeit wurde das Publikationsangebot der Universität sukzessive erweitert. Unter anderem kamen 1974 die «Berichte über die Forschungstätigkeit an der Universität» dazu, aus denen 1995 der bis 2008 jährlich erscheinende «Unireport» wurde, oder 1994 das ursprünglich gemeinsam mit der ETH herausgegebene «Unimagazin» (heute  «UZH Magazin»). Seit 1993 ist die UZH – als eine der ersten Schweizer Universitäten – auch im World Wide Web präsent. Damit begann ein Prozess, in dem zunächst primär gedruckt publizierte Inhalte ergänzend auch online verfügbar gemacht wurden, sich aber bald eine Verschiebung des Schwerpunkts in Richtung Web abzeichnete.

Um der zunehmenden Bedeutung des online-Angebots gerecht zu werden, erhielt die zwischenzeitlich in unicommunication umbenannte Kommunikationsabteilung 1997 von der Universitätsleitung das Mandat, den zu diesem Zeitpunkt als veraltet empfundenen Webauftritt der UZH grundlegend neu zu gestalten. In Zusammenarbeit mit einer externen Agentur sowie der Zentralen Informatik der UZH wurde so auf Anfang WS 1999 ein einheitliches Webdesign realisiert.

Webperlen
Titel einer Rubrik der Website der UZH im Design von 1999 (vergrössert).

Heute ist ein nicht unbedeutender Teil von dem, was vor einigen Jahren noch in gedruckter Form erschienen wäre nur mehr online abrufbar – das betrifft beispielsweise das traditionsreiche Vorlesungsverzeichnis, das 2014 das letzte Mal in Buchform erschien. Damit stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Archive für die dauerhafte Dokumentation dieser neuen Formen der Publikation. Das UZH Archiv verfolgt hier eine Doppelstrategie: Zum einen werden die als für die Überlieferung zentral erachteten digitalen Inhalte direkt aus den entsprechenden Systemen übernommen, zum anderen werden auch regelmässig bestimmte Teile des heute mehrere zehntausend Seiten umfassenden Webauftritts der UZH gespeichert. Diese Daten werden in der Archivdatenbank erschlossen und in das hier seit März 2014 produktive System zur digitalen Langzeitarchivierung eingelagert. Auf diese Weise versucht das Archiv, seinem gesetzlichen und gesellschaftlichen Auftrag trotz Medienwandel gerecht zu werden.