Vitrine

An dieser Stelle präsentiert das Team des UZH Archivs in unregelmässigen Abständen kurze Beiträge zur Geschichte der Universität. Die Themen ergeben sich aus unserer täglichen Arbeit mit dem vielfältigen Archivgut der UZH.

 

Der Briefnachlass von Andreas Bertalan Schwarz und die Türkei als Exilland für deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Sandra Morach

Der deutsche Rechtswissenschaftler Andreas Bertalan Schwarz galt als ein hoch gebildeter Gelehrter und engagierter Dozent. Das antike Recht, die Papyrologie und die Rechtsvergleichung verdanken Schwarz bedeutungsvolle Beiträge. Seine erste Stelle als ordentlicher Professor für Römisches Recht und Bürgerliches Recht trat er an der Universität Zürich an, wo er von 1926 bis 1930 tätig war. Einschneidend in seiner Biografie und beruflichen Laufbahn sind die Jahre ab 1933. Nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen hatten, wurde Schwarz aufgrund seiner jüdischen Abstammung das Amt an der Universität Frankfurt am Main, welches er damals bekleidete, entzogen. Wie viele andere deutsch-jüdische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler emigrierte er in die Türkei.

Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jüdischer Herkunft war die Lage im Deutschen Reich 1933 schwierig geworden. Durch das im April dieses Jahres erlassene «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» konnten Beamte «nichtarischer Abstammung» aus ihrem Dienst entlassen werden. Zahlreiche Akademikerinnen und Akademiker verloren so ihre Arbeit. Um weiter wissenschaftlich tätig sein zu können, emigrierten viele von ihnen ins Ausland, so auch Andreas Bertalan Schwarz. Er lehrte ab 1934 als ordentlicher Professor an der Universität in Istanbul. Zu jener Zeit wurden in der Türkei zahlreiche Reformen durchgeführt. Das Ziel war es die türkische Gesellschaft zu «verwestlichen» und neue Hochschulen nach europäischem Vorbild zu errichten. Aus diesem Grund waren die deutschen Gelehrten in den türkischen Universitäten als Fachkräfte überaus gefragt. Viele deutsch-jüdische Gelehrte nutzten diese Gelegenheit und trugen so zur Entwicklung des türkischen Hochschulwesens und ganz allgemein zur Modernisierung der Türkei bei. Eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung von Arbeitsplätzen in die Türkei spielte der deutsch-jüdische Neuropathologe Philipp Schwartz und die von ihm in Zürich gegründete und geleitete Organisation ‹Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland›. Das Ziel dieser Organisation war die Arbeitsvermittlung ins Ausland. Schwartz stellte Kontakte her und suchte nach Lösungen, damit die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer neuen Anstellung im Ausland weiterarbeiten konnten. Philipp Schwartz selbst war wie Andreas Bertalan Schwarz aufgrund seiner jüdischen Abstammung in Frankfurt am Main fristlos entlassen worden und setzte später seine wissenschaftliche Tätigkeit in der Türkei fort. Ob Andreas Bertalan Schwarz durch die Vermittlungsarbeit von Philipp Schwartz seine Anstellung in Istanbul fand ist nicht bekannt. Die Erfahrungen der deutschen Akademikerinnen und Akademiker im türkischen Exil wurden 2015 auch im sehenswerten Dokumentarfilm «Haymatloz» von Eren Önsöz behandelt.

Briefkopf (UAZ) PA.035.063
(UAZ) PA.035.063: Stellungnahme von Schwarz zu seiner Entlassung.

Der umfangreiche Briefnachlass Schwarz gelangte über die Dokumentationsstelle für Universitätsgeschichte (DUG) zur langfristigen Aufbewahrung in das UZH Archiv. Er umfasst eingehende Korrespondenz aus dem Entstehungszeitraum von 1911 bis 1969. Ebenfalls enthalten sind Briefe und Postkarten an seine Frau Ruth Schwarz, welche sie nach dem Tod ihres Mannes erhalten hat. Viele der Briefe an Andreas Bertalan Schwarz sind handschriftlich verfasst und gut erhalten. Durch seine Tätigkeit in Istanbul sah sich Schwarz mit einer anderen Kultur und Sprache konfrontiert. Dies hat ihn und seine Arbeit geprägt. In seiner Tätigkeit in Istanbul hat er die deutschen Wissenschaften im Ausland auf beispielhafte Weise repräsentiert und mitgeprägt wie Walther Kranz, der mit Schwarz an der Universität Istanbul zusammengearbeitet hat, in einem Nachruf auf Schwarz betont. Im Briefnachlass Schwarz macht sich die Exil-Erfahrung vor allem durch die enthaltenen türkischen Schriftstücke bemerkbar. Andreas Bertalan Schwarz war nur für einen kurzen Zeitraum in Zürich tätig, daher ist es glücklichen Umständen zu verdanken, dass der Briefnachlass, der das Werk und das bewegte Leben dieses Wissenschaftlers dokumentiert, ins UZH Archiv gelangt ist.

Dem UZH Archiv ist es ein Anliegen, dass die Nachlässe gut vernetzt sind, sodass Interessierte sie rasch ausfindig machen können. Zu diesem Zweck wird einerseits der Kalliope-Verbund genutzt, ein von der Staatsbibliothek Berlin betriebenes Nachweisinstrument für Nachlässe, andererseits Wikipedia. Das UZH Archiv erachtet die Nutzung der freien Online-Enzyklopädie als sehr sinnvoll, da Wikipedia bei einer Recherche oftmals als erste Anlaufstelle dient.

Das Erbe der Dokumentationsstelle für Universitätsgeschichte

Philipp Messner

Von 1972 bis 1997 bestand an der Universität Zürich die «Dokumentationsstelle für Universitätsgeschichte» (DUG). Sie verstand sich als Ergänzung zu einem Universitätsarchiv, das sich weitgehend auf die Überlieferung der universitären Administration beschränkt hatte.

Die DUG war auf Anregung des Rechtshistorikers Karl S. Bader und des mit ihm befreundeten Altphilologen Heinz Haffter gegründet worden, um – in Baders Worten – «das Universitätsarchiv auf die wissenschaftliche Seite hin zu erweitern». Als Universitätsarchiv wurden damals die Altbestände des Rektoratsarchivs verstanden. Die Ablage wurde betreut von einem Mitarbeiter der Kanzlei, der daneben auch für die Hörsaaldisposition verantwortlich war. Da nicht zwischen öffentlichen und noch nicht öffentlichen Unterlagen getrennt wurde, war das Archiv der historischen Forschung nur sehr begrenzt nutzbar. In den späten 1960er-Jahren wurde die fehlende Archivpolitik von der Verwaltung der Universität als Problem erkannt. Dabei stand allerdings weniger die Öffentlichkeit als das administrative Eigeninteresse im Fokus. Der damalige Universitätssekretär Ernst Spillmann beklagt in einem Schreiben um 1968, «dass die Universität über sich selbst […] zu wenig dokumentiert ist» und schlägt vor, eine Instanz zu schaffen, die sich eine Übersicht über alle an der UZH vorhandenen Dokumentationsmittel und Archivbestände verschaffen und allmählich eine «zentrale Dokumentation» aufbauen soll. Dieses Projekt verlief aber vorerst im Sande.

Die Dokumentationsstelle, die 1972 gegründet wurde, verdankte sich weniger solchen Überlegungen als Professor Baders privatem Interesse an Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Ohne institutionelle Verankerung hatte dieser angefangen, eine «Sammelstelle zur Aufbewahrung von Schriftgut, das in der Amtsregistratur keinen Platz fand» zu betreiben, wie er 1996 in einem Rückblick schreibt. Baders Sammlungen waren im Dachgeschoss des «Schnäggli» an der Schönberggasse 15a untergebracht, das bis zu dessen Tod 1969 vom emeritierten Strafrechtsprofessor Hans Felix Pfenninger genutzt worden war, als dessen Nachlassverwalter sich Bader betätigte. Die hinterlassenen und  gesammelten Unterlagen wurden vorerst weiter ehrenamtlich vom 1975 emeritierten Rechtshistoriker betreut, bis 1980 seine ehemalige Assistentin und Doktorandin Verena Stadler-Labhart die Leitung der «Dokustelle» übernahm. In den folgenden 16 Jahren beantwortete Stadler-Labhart Anfragen aus aller Welt, kümmerte sich um die Katalogisierung einer kleinen Bibliothek und pflegte die eigentliche Dokumentation – eine thematisch gegliederte Ablage unselbständiger Literatur zu verschiedenen Aspekten der Universitätsgeschichte. Eine zentrale Aufgabe war daneben das Sammeln von unikalem Überlieferungsgut in Form von Nachlässen bzw. Privatarchiven von mit der UZH verbundenen Personen. Die DUG verstand sich dabei als «subsidiäre Auffangstelle» von solch zerstreutem und nicht selten von Vernichtung bedrohtem Material. Dank eines weit über ihr bescheidenes Pensum hinausgehenden Engagements der Leiterin und der guten Kontakte ihres Mentors konnte durch die DUG eine Reihe bedeutender Gelehrtennachlässe gesichert werden.

Schnäggli 2018
Das um 1664 erbaute «Schnäggli» in dessen Obergeschoss sich zwischen 1972 und 1997 die Dokumentationsstelle für Universitätsgeschichte befand.

Die Pensionierung von Stadler-Labhart, verbunden mit dem Verlust der Räumlichkeiten im «Schnäggli», brachten 1997 das jähe Ende der Einrichtung. Die Unterlagen der DUG wurden ins UZH Archiv übernommen. Auch wenn die vollständige archivische Erschliessung dieses Materials bis heute noch nicht abgeschlossen ist, wurde doch ein Grossteil der von der DUG akquirierten Nachlässe in der Archivdatenbank verzeichnet und auch im Kalliope Verbundkatalog ausgewiesen.

Anders als zur Zeit der Gründung der DUG ist die Übernahme und Archivierung von «nichtamtlichem Überlieferungsgut» heute integraler Teil der Aufgaben des UZH Archivs – lässt sich doch die Tätigkeit der Universität in ihrer institutionellen Besonderheit einzig mit Akten aus der Verwaltung kaum hinreichend dokumentieren. Aus diesem Grund wurde unter anderem ein Sammlungskonzept für Privatarchive erarbeitet, auf dessen Grundlage das Erbe der DUG im UZH gezielt weiterentwickelt werden soll. Ist doch die Geschichte der Universität auch aus archivischer Perspektive sinnvoll nur als gemeinsame Geschichte aller ihrer Mitglieder zu verstehen.

Vom Monte San Giorgio in die Zürcher Hörsäle und Museen: Paläontologische Wissensproduktion 1933-1989

Marcel Brengard

1924 begannen die ersten Grabungsarbeiten am Monte San Giorgio. Der Berg an der Südspitze der Schweiz entwickelte sich in der Folge zum bedeutendsten Ausgrabungsort des Paläontologischen Instituts und Museums Zürich (PIMUZ) und zog Generationen von Forschenden und Studierenden in seinen Bann. Der jüngst erschlossene Fotobestand aus mehreren hundert Diapositiven ermöglicht es, den mit den Grabungen verbundenen Prozess der Wissensproduktion und -vermittlung im PIMUZ nachzuvollziehen.

Bergen eines Fundes 1957
(UAZ) I.7.001 (Teil 1): Bergen eines Fundes, 1957

Bereits Mitte des 19. Jahrhundert hatten italienische Forscher mit paläontologischen Untersuchen auf der italienischen Seite des Monte San Giorgio begonnen. In der Schweiz dauerte es noch eine Weile, bis die Wissenschaft das Potential des Berges erkannte. Im Zuge des kommerziellen Ölschieferabbaus auf der Schweizer Seite förderten die Bergarbeiter aus den schwarzen bituminösen Tonsteinen zahlreiche fossile Überreste von Fischen, Reptilien, Ammoniten und Muscheln zutage. In der Folge begann sich Bernhard Peyer, Privatdozent der Universität Zürich, für das Gebiet zu interessieren und reiste 1919 erstmals nach Meride, um am Monte San Giorgio Sondierungen vorzunehmen. 1924 folgten die ersten Abbauversuche. Die kommenden Jahre waren geprägt durch sensationelle Funde. Man grub mehrere komplette Fossilien aus, fand neue Saurierarten und konnte etablierte Lehrmeinungen widerlegen.

Ab 1950 begann Peyers Mitarbeiter und späterer Nachfolger Emil Kuhn-Schnyder in Zusammenarbeit mit Basler Geologen mit der grössten systematischen Grabung am Monte San Giorgio. Bis ins Jahr 1968 wurde eine rund 16 Meter dicke Gesteinsschicht abgetragen, anhand deren Profil die Forschenden sowohl die artenreiche Fauna und Flora aufzeigen konnte als auch ihre Verteilung als auch die Evolution einzelner Gattungen über einen Zeitraum von 500'000 Jahren. Die Ausgrabungen im Südtessin waren derart ergiebig, dass sich die Forschenden unter Kuhn-Schnyders Nachfolger Hans Rieber zwischen 1976 und 2001 weitgehend auf die weitere Bearbeitung der Funde konzentrieren konnten.

Mit dem Zutage fördern von Fossilien stand und steht die Paläontologie aber nicht am Ende ihrer Forschung. Bei der Übernahme und Erschliessung des Fotobestandes des PIMUZ durch das UZH Archiv war das Ziel, eine Diaserie so zu übernehmen, dass diese die ganze wissenschaftliche Erkenntnisproduktion von der Ausgrabung bis hin zur Vermittlung des Wissens zu dokumentieren vermag. Dadurch wird eine Verwendung der Bildbestände jenseits des Illustrativen ermöglicht. Die Fotografien zeigen die technischen und logistischen Herausforderungen bei den Grabungsarbeiten, die Verfahren zur Bergung der Fundstücke sowie die Verzeichnung und Vermessung der Grabungsfelder. Auch die Aufbereitung der Fundstücke wird dokumentiert. Ebenso die Präparierung und das Abzeichnen der Fundstücke bis hin zur Überführung der Erkenntnisse in sogenannte Lebensbilder. Bei diesen handelt es sich um Imaginationen von Sauriern in ihrer rekonstruierten natürlichen Umgebung.

Ticinosuchus ferox, Rekonstruktion
(UAZ) I.7.001 (Teil 1): Ticinosuchus ferox, Rekonstruktion von B. Krebs und O. Garraux, 1962

Die Forschungen zu den Fossilien am Monte San Giorgio fanden in der internationalen Forschungsgemeinschaft breiten Anklang und grosse Anerkennung, wovon sowohl die individuellen Forschenden als auch das PIMUZ profitierte. Im Juli 2003 wurde die Fossil-Lagerstätte im Südtessin von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt, womit nicht nur die Bedeutung des Ortes, sondern nicht zuletzt auch die Leistungen der Zürcher Paläontologinnen und Paläontologen gewürdigt wurde.

Unterwegs am Monte San Giorgio, 1933

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Eingipsen, 1952

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Bergen eines Fundes, 1957

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Unterwegs am Monte San Giorgio, 1933 Eingipsen, 1952 Bergen eines Fundes, 1957
Lackfilm Mixosaurier, 1963

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Ticinosuchus, Schwanz

(UAZ) I.7.001 (Teil 1)

Fundplan Schicht 104

(UAZ) I.7.001 (Teil 2)

Lackfilm vom Mixosaurier, 1963 Ticinosuchus, Schwanz Fundplan der Schicht 104, Dolomit

Von Psychopathologie, «innerem Halt» und heilpädagogischer Rhythmik: Die Lehre am Heilpädagogischen Seminar Zürich 1942-1964

Marcel Brengard

Ein jüngst erschlossener Teilbestand aus dem Nachlass Paul Moor (1899-1977) – dem Schweizer Heilpädagogen und langjährigen Leiters des Heilpädagogischen Seminars (HPS) und Inhaber des Lehrstuhls für Heilpädagogik an der Universität Zürich – ermöglicht erstmals die systematische Aufarbeitung der universitären Ausbildung von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen in der Nachkriegszeit und gewährt spannende Einblicke in die damals in Schweizer Kinder- und Jugendheimen herrschenden Zustände.

Prof. Dr. Paul Moor
(UAZ) PA.034.083: Prof. Dr. Paul Moor

Als Gedächtnis der Universität Zürich ist es dem UZH Archiv ein Anliegen, neben den administrativen Prozessen der Verwaltung auch die Lehre und Forschung zu dokumentieren. Dies wird allerdings durch den Umstand erschwert, dass die entsprechenden Unterlagen der Forschenden in deren Privatbesitz bleiben und somit einer systematischen Archivierung entgehen. Das bedeutet auch, dass heute kaum mehr nachvollzogen werden kann, was die Dozierenden in ihren Vorlesungen und Seminaren unterrichteten. Nur in seltenen Fällen finden sich in Nachlässen von Dozierenden Vorlesungsunterlagen.

Die Übernahme des Nachlasses vom Schweizer Heilpädagogen Paul Moor war insbesondere in dieser Hinsicht ein Glücksfall. Zwischen 1942 und 1964 liess Professor Moor seine Studierenden systematisch Nachschriften der Vorlesungen am HPS und an der UZH erstellen. In den mehr als zwei Jahrzehnten entstanden auf diese Weise fast 500 Vorlesungsnachschriften, die nun vom Institut für Erziehungswissenschaft dem UZH Archiv zur langfristigen Aufbewahrung übergeben wurden und anhand deren sich die einzelnen Veranstaltungen rekonstruieren lassen.

Protokolliert wurde zahlreiche Veranstaltungen von Paul Moor selbst, unter anderem Einführungsveranstaltungen und Vorlesungen zu Erfassungs- und Behandlungsmethoden der Heilpädagogik, dem «inneren Halt» sowie der Erziehung in Heimen. Hinzu kommt die Lehre anderer Dozierender am HPS wie Moors Vorgänger Heinrich Hanselmann, sein Nachfolger Fritz Schneeberger sowie der Schweizer Kinder- und Jugendpsychologe Jakob Lutz. Sie unterrichteten unter anderem zur Erziehungs- und Eheberatung, der sexuellen Entwicklung von Kindern, über die Möglichkeiten und Grenzen der Volkserziehung und die Formdeutversuche von Rorschach. Darüber hinaus finden sich aber auch Nachschriften der Veranstaltungen von renommierten Pädagogen und Pädagoginnen. Darunter sind beispielsweise Mimi Scheiblauer, eine Schweizer Pionierin der heilpädagogischen Rhythmik und Maria Egg-Benes, später Mitbegründerin des «Züriwerk», die sich unermüdlich für Menschen mit geistigen Behinderungen und deren Familien engagierte.

NL Moor vor der Erschliessung
Die Vorlesungsnachschriften aus dem Nachlass Paul Moor vor ihrer Erschliessung.

Besonders interessant sind zudem die Besprechungen von anonymisierten Einzelfällen sowie die Berichte von Anstaltsbesuchen. Am HPS wurde grossen Wert auf eine praxisnahe Ausbildung gelegt. Regelmässig analysierte man im Rahmen von Seminarübungen psychische Erkrankungen anhand von realen Beispielen, wodurch sich Hinweise auf die zeitgenössische Pathologisierung bestimmter Verhaltensweisen ergeben. Ferner berichteten verschiedene Heimleiterinnen und -leiter von ihren Erfahrungen und Behandlungsansätzen und zugleich besuchten die angehenden Heilpädagoginnen und -pädagogen verschiedene Heime und Anstalten für Kinder mit besonderem Förderbedarf. So die «Anstalt für schwererziehbare schulentlassene Mädchen Heimgarten», das städtische «Knabenhaus Schau» oder die kantonale Arbeitserziehungsanstalt Uitikon a.A.. Die Protokolle von diesen Besuchen geben Einblick in die besuchten Institutionen: Sie dokumentieren deren Zielsetzungen, die (heil)pädagogischen Ansätze sowie die Finanzierung und Unterbringung der Heranwachsenden. Darüber hinaus erfährt man von den alltäglichen Problemen, die man kaum gegen aussen kommunizierte, wie der praktizierten Masturbation, welche die Heimleitungen mit allen Mitteln zu verhindern versuchten.

Die Besonderheit des Nachlasses von Paul Moor liegt auch darin begründet, dass er sich auch für die Lehre seiner Kolleginnen und Kollegen interessierte und den Aufwand nicht scheute, auch deren Unterricht dokumentieren zu lassen. Zudem war Zürich zu dieser Zeit eine der wichtigsten Stätte für das Studium der Theorie der Erziehung von Kindern mit besonderem Förderbedarf und prägend für die schweizerische aber auch weltweite Heil- und Sonderpädagogik. Was in Zürich gelernt worden war, sollte später in zahlreichen Erziehungsanstalten angewandt werden.

Eintrag zum Nachlass Paul Moor am UZH Archiv im Kalliope-Verbund

Vor 40 Jahren an der Universität Zürich: Eine Rede zum Tod von Ulrike Meinhof

Philipp Messner

Am 9. Mai 1976 wurde die im RAF-Prozess in Stuttgart-Stammheim des Mordes angeklagte Journalistin Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle aufgefunden. Wie eine vor Kurzem im UZH Archiv aufgetauchte Audioaufnahme dokumentiert, wurde auf dieses für die deutsche Nachkriegsgeschichte so bedeutende Ereignis auch in Zürich reagiert.

Nicht nur als Forschende/r, auch als Archivar/in macht man in einem Archiv mitunter überraschende Funde. So geschehen kürzlich bei der Digitalisierung und Nacherschliessung von einigen bisher nur oberflächlich erfassten Tondokumenten aus dem sogenannten «Alten Rektoratsarchiv» (E.7.1). Dieser aus der ehemaligen Kanzleiablage herausgewachsene Archivbestand umfasst neben ebenda entstandenen Akten auch Sammlungsgut, dessen Herkunft im Einzelnen kaum mehr zu eruieren ist. Die genannten Massnahmen betrafen unter anderem die Verzeichnungseinheit E.7.1.207, eine Audiokassette in einem braunen Umschlag mit der Beschriftung «Tonbandka[s]sette vom 12. Mai 76 / Rede von Prof. Azzola Darmstadt / Koreferat Gesetz + Gewalt / KSTR».

Koreferat Axel Azzola 1976
(UAZ) E.7.1.207: Aufnahme des Koreferats «Gesetz und Gewalt» von Axel Azzola, 12.05.1976.

Beim genannten Professor handelt es sich um Axel Azzola (1937-2007), der zwischen 1971 und 1998 einen Lehrstuhl für öffentliches Recht an der Technischen Universität Darmstadt innehatte. Bekanntheit erlangt der Jurist vor allem, als er ab Dezember 1975 im Strafprozess gegen vier Mitglieder der «Roten Armee Fraktion» (RAF) in Stuttgart-Stammheim als Wahlverteidiger von Ulrike Meinhof auftritt. In dieser Rolle versucht er zu erreichen, dass die Angeklagten als Kombattanten in einem bewaffneten Konflikt betrachten werden und ihnen den Status von Kriegsgefangenen zugestanden wird.

Das neben dem Namen Azzolas angegebene Kürzel «KSTR» verweist auf den Kleinen Studentenrat. Die Exekutive der verfassten Studentenschaft der Universität Zürich (SUZ) führt zu diesem Zeitpunkt eine erbitterte Auseinandersetzung mit der kantonalen Erziehungsdirektion, die zwei Jahre später schliesslich zur Auflösung der SUZ führen sollte. Gestritten wird in erster Linie über die Zulässigkeit eines über den Rahmen von Studierendenpolitik im engeren Sinn hinausgehenden allgemeinpolitischen Engagements der Organe der SUZ.

Als «Koreferat» wird im Allgemeinen ein Referat bezeichnet, das sich als Ergänzung auf das Thema eines Hauptreferats bezieht, eine Stellungnahme zu einem vorausgegangenen Referat beispielsweise. Im vorliegenden Fall geht es um eine vom damaligen Rektor der Universität Zürich, Hans Nef, am 29. April 1976 zum Dies academicus gehaltene Rede mit dem Titel «Gewalt und Gesetz», die auch im UZH-Jahresbericht 1975/76 nachzulesen ist. Vor dem Hintergrund des in den 1970er Jahren endemischen Linksterrorismus behandelt der Ordinarius für Rechtsphilosophie, Staats- und Verwaltungsrecht Nef in seiner Rede grundlegend das Spannungsverhältnis zwischen Gesetz und Gewalt. Dabei äussert er sich unter anderem besorgt darüber, dass, wie er sich ausdrückt, «die Gewalttätigen den Gesetzgeber nötigen», Revisionen einzuleiten, welche auch von der Idee der Rechtsstaatlichkeit geforderte Grundsätze berührten. Dies sei aber unumgänglich, da ihm zufolge die Rechte und die Rechtsschutzbehelfe der Beschuldigten in einigen Beziehungen in einem Masse ausgebaut seien, dass es nicht nur zur Beeinträchtigung einzelner Strafuntersuchungen, sondern der Rechtspflege als solcher führen könne. Man müsse deshalb fragen, ob die rechtsstaatlichen Garantien «auch jenen bis zu den letzten Konsequenzen zukommen sollen, die selbst das Recht mit Füssen treten».

Ulrike Meinhof
Ulrike Meinhof. Foto auf einem Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes, 1971.

Auf diese Ausführungen sollte der als unbedingter Verfechter rechtsstaatlicher Prinzipien bekannte Azzola an einer vom KStR auf Mittwoch 12. Mai gelegten Veranstaltung im grossen Hörsaal KOL-F-101 eine Erwiderung formulieren. Drei Tage vorher wird nun allerdings seine Mandantin Ulrike Meinhof in ihrer Zelle erhängt aufgefunden. Aus der geplanten Gegenrede Azzolas wird ein Nachruf. Auf den Anwalt, der als überzeugter Sozialdemokrat keinerlei Sympathien für den von der RAF geführten «bewaffneten Kampf» hegt, hat Meinhof offenbar einen tiefen Eindruck hinterlassen. In seinem an der Universität Zürich gehaltenen Nekrolog beschreibt er sie als «grenzenlos liebesfähig, diszipliniert, sensibel und von hoher Intellektualität», wobei diese bei Meinhof in den Dienst eines «unabdingbaren ethischen Rigorismus» gestanden habe. Im folgenden versucht Azzola die Aktionen der RAF aus dem Selbstverständnis der Gruppe heraus zu erklären und kritisiert in diesem Zusammenhang eine «bürgerliche Sprachlosigkeit», die über die Sachverhalte, um die es im Stammheim-Prozess gehe, nur juristisch reden wolle, anstatt diese in ihrem historisch-politischen Kontext zu analysieren, wie es eigentlich geboten wäre.

Das Typoskript der von Axel Azzola an der Universität Zürich gehaltenen Rede findet sich als Teil einer umfassenden Sammlung von Dokumenten zur Geschichte der RAF aus dem Besitz von Ronald Augustin, einem ehemaligen Mitglied der Gruppe, im Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam. Über das «Social History Portal» ist Azzolas Skript auch in digitaler Form abrufbar.

Sammlung «Rote Armee Fraktion» (IISH_ARCH02203)

Typoskript der Rede von Axel Azzola an der Universität Zürich (PDF)

Von wem und zu welchem Zweck nun die im UZH Archiv befindliche Aufzeichnung gemacht wurde ist unklar. Der an eine Predigt erinnernde Duktus des Vortrags, wie er auf der Aufnahme zu hören ist, ist zum einen wohl dem Zeitgeist, zum anderen den besonderen Umständen geschuldet. Die akustische Aufzeichnung der Rede stellt aber in jedem Fall eine signifikante Erweiterung des bislang nur schriftlich vorliegenden Inhalts dar.

(UAZ) E.7.1.207: «Gesetz und Gewalt», Koreferat Axel Azzola, 12.05.1976. [Ausschnitt, 01:41 Min.]

Hochschulplanung an der Universität Zürich in den 1970er Jahren

Inge Moser

Reim von Alt-Regierungsrat Günthardt in der «uni zürich», 1983.
«Wer etwas vorhat, plant...» - Reim von Alt-Regierungsrat Günthardt in der «uni zürich» 1/2, Februar 1983.

In den Unterlagen des Prorektorats Planung, die von den Aktenbildern in einer dokumentarischen Sammlung von Akten und Fachliteratur überliefert wurden, lassen sich interessante Details zur Entwicklung der Hochschulplanung an der Universität Zürich in den 1970er Jahren zurückverfolgen – sowohl als inneruniversitäre Organisationseinheit sowie als wissenschaftliche Fachrichtung. Dies nicht zuletzt, weil die Mitarbeitenden des Prorektorats Planung selbst ihre Tätigkeit rege dokumentierten. Dass Planungsgeschäfte auch eine Prise Selbstironie vertragen, zeigt der 1983 in der «uni zürich» abgedruckte Reim von Alt-Regierungsrat Günthardt.

Mit der Einberufung einer Planungskommission durch den Zürcher Regierungsrat am 25. Januar 1962 wurde die Planung zum ersten Mal als eigenständiger Aufgabenbereich wahrgenommen. Damals ging es darum, über den Standort und die Prioritäten der neuen Universitätsbauten oder deren Erweiterung zu entscheiden, für die aus Gründen zunehmender Platznot an der Universität Kredite gesprochen wurden (Jahresbericht der UZH 1962/63, S. 28 und 32). Der Begriff Planung bezog sich also in erster Linie auf die Raum- und Bauplanung. Die stetig steigenden Studierendenzahlen standen um 1970 in einem Gegensatz zum aufwendigen und nur langsam voranschreitenden Ausbau der Universität. Damit hing auch die Kapazitätsplanung zusammen, also inwiefern die Zulassung von Studierenden geregelt oder gar beschränkt werden sollte. Im Jahresbericht 1972/73 ist erstmals die Rede von der Etablierung einer eigentlichen «Planungsorganisation», die neben der nebenamtlichen Planungskommission und dem Planungsausschuss aus einem vollamtlichen Planungsstab des Rektorats bestehen sollte, und deren zentrale Funktion die mittel- bis langfristige Universitätsplanung im Hinblick auf ein neues, bundesweites Hochschulförderungsgesetz wurde. Die vollamtliche Stelle im Planungsstab konnte allerdings erst 1975 mit Edmond Ermertz besetzt werden. Neben der systematischen Entwicklungsplanung (später Mehrjahresplanung), der Finanz- und Personalplanung sowie der Ermittlung von Studierendenprognosen zählte auch der Aufbau einer Dokumentation über die Hochschulplanung zu den ersten wichtigen Aufgaben der Planungsorgane (Jahresbericht 1973/74, S. 24–25).

Eine tragende Rolle für die Hochschulplanung an der Universität Zürich spielte ausserdem Professor Edwin Rühli, der 1972 zum Präsidenten des Planungsausschusses und 1984 zum ersten Prorektor des Ressorts Planung ernannt wurde und sich auch in der Forschung und Lehre stark mit dem Thema auseinandersetzte. So dozierte der Ordinarius in Betriebswirtschaftslehre über Führungsaufgaben und Hochschulplanung, wie Dossiers von Vorlesungen und Seminaren belegen, die als Grundlagen ebenfalls Eingang in die Dokumentensammlung fanden. Ein weiteres Zeugnis davon ist die Herausgabe von 15 Planungsstudien im Zeitraum von 1973 bis 1997, die von der Planungskommission in Auftrag gegeben wurden.

Planungsstudien der Universität Zürich
(UAZ) F.3.029-030: Planungsstudien der Universität Zürich

Auch die öffentliche Information über die Universitätsplanung gewann zunehmend an Bedeutung. Das Prorektorat Planung übernahm die Koordination der gesamtuniversitären Jahresberichte, der akademischen Jahresberichte und die Berichterstattung an die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich. Ab Ende der 1980er Jahre kamen ausserdem vermehrt bildungs- und wirtschaftspolitische Aufgaben hinzu, was 1987 zur Schaffung einer Stabstelle Wirtschaftskontakte / Wissenstransfer im Bereich der Planung führte, die nur während einer kurzen Zeit Aufgaben der Vernetzung von der Universität und einzelnen Forschungsbereichen mit der Öffentlichkeit sowie mit der Privatwirtschaft übernahm. Ein grosses Projekt in diesem Rahmen war beispielsweise die Mitwirkung der Universität Zürich an der nationalen Forschungsausstellung «Heureka» 1991.

Die Institutionalisierung der Planung und die zunehmende Vermessung der Universität seit den 1970er Jahren geschah nicht nur aus Zufall zeitgleich mit der Entwicklung von Informationssystemen und Computertechnik. Es wurde eng mit dem Rechenzentrum und der Informatik zusammengearbeitet, und Mitarbeitende des Planungsstabs beteiligten sich häufig an Projekten zur Einführung von Dokumentationssystemen und Datenbanken, die wiederum der Planung als Instrumentarium dienen sollten. Auch zu solchen teilweise inzwischen verwirklichten oder nicht umgesetzten Projekten, zum Beispiel zu einem uniweiten Informationssystem oder einer Forschungsdatenbank, sind im Bestand des Prorektorats Planung einige Spuren zu entdecken.

Der umfangreiche Bestand (ca. 60 lfm) wurde im August 2015 einer Nachbewertung unterzogen und wird zur Zeit erschlossen.